Ein Text muss nicht zwangsweise schön sein, um zu wirken. Manchmal wirkt er auch durch ungeschönte Offenheit. Authentisches Schreiben kann nicht nur andere berühren, sondern auch einen Beitrag zur eigenen Entwicklung leisten.
Im letzten Jahr ist mir bei einem Literaturwettbewerb ein Siegertext aufgefallen, den ich so nie geschrieben hätte – und den ich auch im Lektorat so nie hätte gutheißen können: Katastrophale Interpunktion, umständliche Satzstrukturen, ungeschliffen (wirkende!) Sprache. Ein Text, der sich las, als hätte man ihn unterwegs auf dem Telefon getippt und ungelesen an einen Freund verschickt.
Im ersten Moment war ich ein wenig überrascht, das muss ich zugeben. Dass so ein Text, es handelte sich um eine Kurzgeschichte, tatsächlich einen Preis gewinnen konnte. Nicht „einen“ Preis, sondern gleich den ersten Platz. Ein Text, der (scheinbar!) so wenig der Kunstfertigkeit zeigt, die wir von preisgekrönten Werken oft erwarten.
Aber auf den zweiten Blick: Genau darin lag seine Kraft. Dass es eben kein Text war, der klang, als hätte ihn eine Gelehrte in mühevoller Kleinstarbeit angefertigt. Sondern ein Text, der eben wirklich den Eindruck erweckte, er sei ein echter, alltäglicher Text. Ein glaubhafter Text, der sich nicht verstellt, um konventionellen Qualitätsmerkmalen zu entsprechen. Ein Einblick in ein Selbstgespräch, nicht in eine Publikation.
(Am Rande: Ich mutmaße, dass der Text als ganzer Roman weniger gut funktionieren würde. Dafür wäre er wohl zu anstrengend beim Lesen. Als Kurzgeschichte über einige wenige Seiten geht das eher. Auch: Ich sage nicht, dass der Text tatsächlich authentisch war, sondern nur, dass er so klang.)
Auch im Kreativen Schreiben (ich bin neben dem Lektorat zertifizierter Schreibgruppenleiter für Kreatives und Biografisches Schreiben, aber erst seit Kurzem) war das ein wichtiges Learning für mich.
Eine Frage bei solchen Schreibgruppen ist, welche Voraussetzungen die Teilnehmenden dazu anregen könnten, das Geschriebene dann auch mit der Gruppe zu teilen. Viele sind zuerst zurückhaltend, weil sie ihrer Dichtsprache noch unsicher sind. Oft haben sie sie lange nicht benutzt, und schon ganz vergessen, dass man Sprache gestalten kann, nicht nur verwenden. Sie sind unsicher, ob ihr Text am Ende „schön“ genug ist, um geteilt zu werden. Schon mit dem Schreiben von Gedichten haben viele wenig Erfahrung, klar; und dann noch vorlesen?
Aber letztlich merkt man rasch: Die starken, wirksamen Gedichte, die Menschen berühren – das sind oft nicht die „schönen“ Gedichte, die ästhetischen oder formal besonders ausgereiften, sondern die authentischen. Am wirksamsten sind die Beiträge, bei denen die Gruppe den Eindruck hat, die vorlesende Person hätte eben wirklich einen Einblick in ihr Innerstes gegeben.

Das gilt auch für Romane, gilt für Literatur. Wenn ich an das „Geständnis einer Maske“ von Yukio Mishima denke – der ganze Roman ist ja praktisch eine Übung in Authentizität –, kommt mir immer sofort in den Sinn, wie Mishima-sensei sich an den Geruch der durch den Ort ziehenden Soldaten erinnert, deren Schweißgeruch ihn schon als Kind fasziniert und erotisch anzieht. Das Bild blieb in mir, nicht, weil es so gemessen erzählt ist, sondern weil es scheinbar einen Ausblick in das tiefste Wesen eines Menschen liefert, der nicht, wie so oft, durch Scham, Stolz etc. verstellt ist.
Diese Offenheit macht das Buch aus. Und sie macht es so wirksam. Ich wollte hier erst ein Stück aus dem Text beispielhaft abtippen, aber die genaue Gestalt des Textes ist gar nicht so hinreißend, wenigstens nicht gerade diese Stelle in der mir zugänglichen, deutschen Übersetzung. Seine Ehrlichkeit ist das Fesselnde. Und dieser Blick hinter die Maske, wo das verletzliche menschliche Wesen ist, das man im Alltag meist versteckt.
Es braucht Kraft, so etwas auszudrücken, noch mehr Kraft, es zu teilen – und ich glaube: Diese Kraft wird beim Lesen spürbar, sie überträgt sich gewissermaßen. Und ist der Grund dafür, dass man diesen (nach wie vor großartigen) Roman aus 1949 noch heute hoch achtet.
Es ist gar nicht so einfach, authentisch zu schreiben. Es gehört viel Selbstüberwindung dazu, denn es ist immer auch eine Übung darin, mit dem eigenen Ego umzugehen. Ich glaube aber, dass so etwas gerade heute wichtig sein könnte. Unsere heutige Welt ist so von der Verstellung beherrscht, dass es einen Raum braucht, in dem man echt sein kann. Wer ehrlich ist, macht sich erstmal verletzbar. Es wird aber zunehmend einfacher, hinter Sachverhalten, Meinungen oder Konzepten zu stehen, wenn man sie erst umfänglich erfasst hat.
So wie man das sinnliche Erfassen etwa gut mit dem Schreiben von Gedichten üben kann, kann man Authentizität mit dem Schreiben eines Tagebuches üben. Eine Übung darin, bei sich selbst zu bleiben, auch im Ausdruck und in der Suche nach Bedeutung in der schreibenden, poetischen Betätigung. Das unterstützt auch bei der Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung, stärkt das eigene Identitätsgefühl, sogar, wenn man diese Texte letztlich nie mit jemandem teilt.
Im schriftlich-strukturierenden, ungeschönten und offenen Umgang mit den eigenen Themen kristallisieren sich immer wieder auch Ansatzpunkte heraus, die sich für „öffentliches“ Schreiben durchaus eignen. Dort sind die ursprünglich ganz individuellen Gedanken dann schon so gereift, dass man mit ihnen etwas über die Welt und ihre Phänomene sagen kann, etwa über den Menschen an sich.

Für die Wirkung beim Publikum ist es oft nicht das Wichtigste, dass Texte geschliffen sind bis zur Perfektion, sondern, dass sie aus der Tiefe kommen und sich etwas trauen. Ich möchte den berühmten Spruch Immanuel Kants, „sapere aude“ (wage es, zu wissen/deinen Verstand zu benutzen), ein wenig abwandeln: Aude esse sincerus – wage es, ehrlich zu sein. Und wage es, du selbst zu sein. Man leistet damit auch einen Beitrag dazu, mehr Echtes in die Welt zu bringen.
Das Publikum wird es danken, denn einerseits vermittelt es Stärke und Mut, sich selbst zu zeigen, vor allem in der eigenen Verletzlichkeit, und andererseits, weil Offenheit immer eine Beziehung aufbaut.
Wenn so eine Geschichte dann auch ein richtig fesselndes Buch werden soll, gibt es natürlich dennoch tausend Dinge zu beachten. Die besten Romane leben an der Schnittstelle großartiger Form und ebensolchen Inhalts.
Wenn Sie Feedback zu einem Werk möchten oder einen Lektor suchen, der mit Ihnen gemeinsam am Text feilt, um am Ende aus der tollen Geschichte auch einen tollen Roman zu schaffen – melden Sie sich gerne jederzeit unter [email protected]. Ich freue mich, von Ihnen zu lesen.
Weitere Beiträge wie diesen hier finden Sie in meinem Blog rund ums Buch.