Wie man Dialoge dynamischer erzählt

Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Film gucken, bei dem die Kamera immer den gleichen Abstand zum Geschehen hat. Langweilig, oder? Manche Manuskripte tun aber genau das. Die Erzähldistanz ist ein wichtiges Mittel, um Bewegung und Dynamik in einen Text zu bringen – das gilt auch für Dialoge.

 

Die Dynamik macht es interessant

Ein Erzähltext sollte immer dynamisch sein. Man sollte beim Lesen eines Romanes, einer Geschichte, stets das Gefühl haben, dass sich etwas tut. Im Plot und bei den Figuren sowieso – aber das Thema geht tiefer. Es betrifft auch die Präsentation selbst.

 

Die Metapher mit dem Kameraabstand im Film fängt es perfekt ein: Es wirkt einfach anders, wenn die Kamera einmal nah an der Figur ist, dann in die Totale geht, im Anschluss langsam über einen (bedeutenden/aussagestarken!) Gegenstand wandert, um zuletzt wieder zur Figur zu schneiden, wenn sie gerade ihre Rede beendet. Danach gibt es einen Schnitt auf die Reaktion des Gegenübers.

 

Meisterliche RegisseurInnen setzen diese Schnitte, Zooms, Kamerafahrten etc. minutiös und gezielt ein, auch wenn die Figuren, um die es gerade geht, stillstehen. Beim Roman spricht man in diesem Kontext auch von der sogenannten „Erzähldistanz“, und sie ist ein ganz subtiles und elegantes Mittel, um einen Text interessanter zu gestalten.

 

Zur Klarheit: Die Erzähldistanz bezeichnet in der Literaturtheorie speziell auch das Verhältnis der Erzählstimme zu den Ereignissen einer Handlung, also zum Plot. Auch das ist ein spannendes Thema, also die Frage, wer erzählt. Darum geht es mir hier aber nicht, sondern um die Präsentation von Szenen.

 

Dialoge, dramatischer und narrativer Modus

Ich lese immer wieder Dialoge, die unnötig statisch und gleichförmig daherkommen, unabhängig vom eigentlichen Inhalt. Manchmal etwa sind Dialoge so gestaltet, dass nur Aussage nach Aussage steht, die Sprechenden einander einfach abwechseln. (Das nennt man einen „dramatischen Modus“.)

 

 

Sie standen in der Küche.

 

„Das geht so nicht“, sagte sie.

 

„Ich möchte es aber so“, sagte er.

 

„Dann ohne mich“, sagte sie.

 

 

Dagegen ist formal nichts einzuwenden, aber es klingt rasch uninteressant, vor allem, wenn es sich um längere Dialoge handelt oder es viele Dialoge gibt, die alle derart aussehen. Die Kamera bleibt über den ganzen Wortwechsel hin starr, sozusagen.

 

 

Zwei Elefanten sehen einander an, als würden sie gerade etwas bereden.
Kraftvolle Dialoge wollen auch gut inszeniert sein. Bild: Clinton Mwebaze, Unsplash

 

Dynamischer wirkt es, wenn man versucht, ein bisschen Bewegung reinzubringen. Immerhin soll gutes Erzählen auch Bilder im Kopf schaffen. Leiten Sie diese Bilder ein wenig an. (Der „dramatische Modus“ ist dem Bühnen-Drama, dem Theater nahe, wo es so oder so immer etwas zu sehen gibt.)

 

Ein – etwas übertriebenes – Beispiel:

 

 

Sie standen in der Küche. [Totale]

 

„Das geht so nicht“, sagte sie. Ihre Stirn lag in Falten. Die Augen darunter zusammengekniffen. [= Nahaufnahme mit winziger Kamerafahrt]

 

„Ich möchte es aber so“, gab er kühl zurück. Er lehnte an der Spüle, wo das schmutzige Geschirr sich längst stapelte. [= Schnitt zu ihm, dann kleine Kamerafahrt]

 

Sie drehte sich weg, so dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. „Dann ohne mich.“ Sie sagte es ganz ruhig. Ihre Locken glänzten in der Sonne, die durch das kleine Fenster neben dem Kühlschrank fiel. Die Eiche davor war starr, trotz des hörbaren Windes. [= Schnitt zu ihr, dann ein Zoom-Effekt auf ihr Haar, dann wandert unser Blick schrittweise von ihr weg zum Fenster hinaus, zur Eiche als invertierte Version der weiblichen Figur]

 

 

Natürlich ist das Beispiel ein wenig überschießend, um meinen Punkt zu machen, und ein längerer Dialog muss auch die Geduld der Lesenden beachten. Aber man sieht schon: Mit Kamerabewegungen wird die Szene ausdrucksstärker. Wir sehen hier viel eher Bilder im Kopf, als wenn ein paar Aussagen im luftleeren Raum hängen. Am erzählstärksten wird es natürlich, wenn die Dinge, die zwischen den Reden gezeigt werden, auch bedeutend sind und etwas vermitteln können. 

 

Direkte und indirekte (berichtete) Rede

Ein wichtiges Mittel im Kontext ist die indirekte Rede – und überraschend oft sehe ich Texte, in denen diese gar nicht genutzt wird. Die „indirekte Rede“ ist eine Aussage, die von einer anderen Aussage berichtet, weshalb man sie auch „berichtete Rede“ nennt. Z. B.: „Sie sagte, sie komme später“; „der Zeuge meint, er habe nichts gesehen“ …

 

Die berichtete/indirekte Rede hat einige Vorteile. Einer davon ist, dass auch sie Bewegung in Dialoge bringen kann, indem sie die Erzähldistanz variiert.

 

 

Sie standen in der Küche.

 

Sie sagte ihm, dass das so nicht ginge, aber er beharrte darauf.

 

„Dann ohne mich“, sagte sie.

 

 

Das Beispiel zeigt, wie die Distanz variiert. Zuerst, als die Rede der weiblichen Figur indirekt erzählt wird, ist die Distanz größer, danach bringt die direkte Rede derselben Figur uns Lesende nah an die Situation und zu ihr hin. (In der Terminologie der Erzähltheorien würde man hierbei von einem Wechsel vom „narrativen“ zum „dramatischen“ Modus sprechen.)

 

Vor allem bei längeren Wortwechseln kann es Wunder wirken, manches direkt, manches indirekt zu erzählen – gerne auch in Kombination mit einer dynamischen Kamera. Wenn Bewegung drin ist, sehen wir beim Lesen meistens besser hin, und wenn dabei plastische Szenen vor unseren inneren Augen entstehen, ein Film im Kopf abläuft, hat ein Text schon viel richtig gemacht.

 

Abwechslung (auch) bei Wortwahl und Satzstellung

Etwas Abwechslung bei den Verben, die die Reden einleiten (sog. „Verba dicendi“) tut übrigens auch oft gut. Also nicht immer „sagte sie“ – „sagte er“ – „sagte sie“, sondern auch „antwortete er“, „erklärte sie“ und so weiter, da gibt es ja unendliche Möglichkeiten. Es ist auch empfehlenswert, die möglichst ausdrucksstärksten Formulierungen zu verwenden, die jeweils passen: „presste sie heraus“, „hauchte er“ und dergleichen.

 

Ebenso macht es Sinn, eine zitierte Rede nicht immer an den Anfang des Satzes zu stellen, sondern auch mal in dessen Mitte oder erst an das Ende, Reden können – auch durch Narration – unterbrochen werden und dergleichen. Die so geschaffene Abwechslung in den Satzstellungen bringt viel mehr, als man denkt, und führt wiederum dazu, dass ein Text sich dynamischer anfühlt.

 

 

Abwechslung und Dynamik in der Erzählweise können viel beitragen, um Texte interessanter zu machen. Es kommt nicht nur auf den Inhalt an; es geht immer auch darum, ihn kunstvoll zu präsentieren.

 

 


Und am Ende die obligatorische Anmerkung in eigener Sache: Wenn Sie auf der Suche nach einem theorie- und praxiserfahrenen Lektor sind, der Ihr Erzählwerk einschätzen oder überarbeiten hilft, freue ich mich über eine Kontaktaufnahme! In meinem Blog finden Sie auch weitere Beiträge wie diesen.

 

 

PS: Was mich interessieren würde ...

 

Ob die Tatsache, dass so oft keine indirekte Rede genutzt wird, wohl am Konjunktiv liegt? Der ist bei der indirekten Rede grammatisch korrekt, verunsichert manche aber. Keine Sorge, so schwer ist der nicht. Ich will hier keine weiterführende Grammatik-Einheit einbauen, aber z. B. hier https://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/satzbau/indirekte-rede gibt es eine kompakte Zusammenfassung zur indirekten Rede.

Dass dort eine indirekte Rede auch im Indikativ gezeigt wird, ist schulgrammatisch nicht 100%ig korrekt, denn eigentlich sollte die indirekte Rede immer im Konjunktiv stehen, aber aus meiner Sicht darf ein literarischer Text ohnehin nicht wie ein Schulaufsatz behandelt werden. Ausdruck ist wichtiger als formale Regelbefolgung.