Romane leben von Handlungen und Konsequenzen

Handlungen und Konsequenzen sind das Rückgrat eines guten Plots. Eine Erzählhandlung sollte immer „erlebbar“ sein – dann verarbeiten wir sie, als wäre sie echt, und fiebern einfach am meisten mit. So schafft man fesselnde Figuren und kraftvolle Aussagen. 

 

Was das oft zitierte „show-don’t-tell“-Prinzip mit authentischem Erleben zu tun hat

Sicher einer der grundlegendsten Schreibtipps überhaupt: „Show, don’t tell“. Nicht erklären, was man auch zeigen, bzw. „erlebbar machen“ kann. Und erleben kann man nur, was in der äußeren Welt der Phänomene ist. Ein Beispiel: Schreiben Sie nicht, dass eine Figur ärgerlich ist (Erklärung), sondern zeigen Sie, wie die Figur eine Tür zuschmeißt (Erlebnis). 

 

Auf die Frage, warum das so ist, habe ich eine eigene Antwort: Ich glaube, das funktioniert deshalb im Roman so gut, weil es auch im echten Leben so funktioniert. Wir können niemals etwa die Gedankeninhalte einer anderen Person kennen. Wir können nur erleben, was sie uns davon erzählt; nur das ist für unsere Sinne zugänglich. Ein Erlebnis zu interpretieren ist für uns deshalb die natürliche Zugangsweise – im Gegenteil zum Gedankenlesen.

  

Das betrifft auch (erzählerische) Konzepte: Wir können z. B. ein Abstraktum wie die Ungleichheit niemals direkt erleben. Erleben können wir nur ihre konkreten Phänomene, etwa einen lumpenschweren Bettler, der vor der Tür eines edlen Herrenausstatters zusammensinkt. In Erzähltexten ist so ein Erlebnis meist interessanter als ein Erklärteil. 

  

Einen Roman erlebbar machen wie die echte Welt

Filmprojektor
Bild von Jeremy Yap, unsplash

So funktioniert der Mensch: Wir erleben konkrete Phänomene und interpretieren sie, schreiben ihnen Bedeutung und Inhalt zu – und oft genug sogar eine Geschichte. So erleben und erfahren wir die echte Welt um uns herum.

 

Und so können wir auch den Inhalt eines Romanes oder generell einen Erzähltext verarbeiten, wenn dieser Text das erlaubt und ermöglicht. Wir sehen, was passiert, und erfüllen das mit Bedeutung, interpretieren Handlungsweisen und Elemente der erzählten Welt. (Ist auch spannender, als ständig etwas erklärt zu bekommen.)

 

 

Das hat unter anderem zwei positive Nebeneffekte: 

Suspension of Disbelief – das vorübergehende Ausschalten der Ungläubigkeit

Während des Lesens tut man so, als sei das, was man liest, eine echte Geschichte. Niemand interessiert sich für Zeichenketten – für Figuren einer Geschichte aber schon, auch wenn sie frei erfunden sind und in Wahrheit weder Schmerz noch Freude fühlen. Es ist erzählerisch wirksam, wenn man beim Lesen die Figuren so erleben kann, wie man echte Menschen erleben würde. Nicht, indem man ihre Gedanken liest, sondern indem man ihre Handlungen interpretiert.

Tiefere Involvierung bei den Lesenden

Wenn die Lesenden selbst gefordert sind, die Handlungen der Figuren zu interpretieren, sind sie auch involvierter. Wenn man eine Figur so anlegt, dass sich Lesende einfach berieseln lassen können, etwa, indem man den Zweck von Figuren-Handlungen immer ganz genau erklärt, dann verunnötigt man damit auch das Mitdenken. Das heißt auch, dass weniger individuelle Bedeutung entsteht. Je aufmerksamer die Lesenden, je mehr von sich sie in den Text einbringen, desto wirksamer kann die Erzählung werden.


Spannendere, dynamischere Figuren

Spannend ist, was spürbare Konsequenzen in der erzählten Welt hat. Deshalb werden auch Figuren spannend, wenn sie handelnd und konsequent sind. Wer einmal z. B. ein Buch von Christian Mähr gelesen hat, hat vielleicht gerade das auch zu schätzen gewusst: Konsequente Figuren, die enorm aktiv ihre Ziele verfolgen. Wenn eine solche Figur sich etwas vornimmt, dann ist das praktisch ein Versprechen an die Lesenden, dass etwas Interessantes passieren wird.

 

Viele von uns lieben die eigenbrötlerischen, passiven Figuren, die etwas aus der Beobachtung erzählen – aber räumen Sie diesen Figuren immer auch einen Handlungsraum ein. Wenn sie nichts tun dürfen, was Konsequenzen hat, werden sie eventuell langweilige Hauptfiguren sein.

 

Das gilt natürlich auch und gerade für Introspektionen. Halten Sie sich prägnant und kurz, und überlegen Sie immer, was man alternativ auch aktiv-dynamisch in konkreten Handlungen vermitteln könnte. Figuren, die sich selbst zu gerne denken hören, haben es manchmal schwer, ihre Zuhörenden zu fesseln. Wenn die Figur ihre Entwicklung stattdessen in konkreten Handlungen zeigt, die einen Unterschied in der Welt machen, ist das meist wesentlich spannender zu lesen.

 

Handlungen machen Ungreifbares konkret und zeigen, worauf es ankommt

Man kann diesen Zugang auf ganze Konzepte ausdehnen: Vor allem abstrakte Themen (vgl. z. B. oben mein Beispiel mit der Ungleichheit) sind schwer auf den Punkt zu bringen, ohne ausufernd zu werden. Konkrete Aktionen und Handlungen der Figuren sind ein tolles Mittel, um solche abstrakten Konzepte in die Realität zu holen, um die Spannungsfelder greifbar und erlebbar zu machen. Das führt auch zu dynamischen, spannenden Figuren, die beim Lesen fesseln. 


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