Betrachten Sie Ihren Roman einmal aus funktionaler Sicht

Textpassagen als Funktionen zu betrachten, hilft dabei, den Fokus zu behalten und herauszuarbeiten, was wichtig ist. Bei einem guten Roman hat jedes Wort, jeder Satz, jeder Absatz, jedes Kapitel – kurz: jede Erzähleinheit – eine relevante Funktion.

 

Welche Erzählziele hat Ihr Roman?

Als „Funktion“ betrachte ich hier etwas, was spezifischen Erzählzielen zuarbeitet: Den Plot vom Anfang zum Ende bringen, Spannung aufrechthalten, die Figuren und ihre Motivationen sowie die Themen der Geschichte erlebbar machen usw. Dazu gehören immer auch Fragestellungen wie jene, ob Figuren sympathisch wirken sollen, welche Atmosphäre herrschen soll und vieles Weitere.

 

Ich denke, es ist sehr hilfreich, wenn man sich über diese Dinge einmal Gedanken macht, und so nicht nur herausstellt, welche Ziele überhaupt wichtig sind, sondern auch, wie sie zu priorisieren sind. Sinnvoll ist es auch, sich schon früh zu überlegen, welche Ziele einander zuarbeiten könnten, und welche einander eher im Wege stehen. Am Ende soll eine Erzählung oder ein Roman wie aus einem Guss wirken.

 

Es ist immer Abwägungssache, welche Erzählziele am wichtigsten sind. Am besten erfüllt ein Inhalt eines Romanes auch gleich mehrere Funktionen, treibt etwa den Plot an und zeigt gleichzeitig die Figurenmotivation.

 

Vermeiden Sie unnötige Längen

Wenn ein Inhalt keinem der wichtigen Erzählziele in relevanter Weise zuarbeitet, sollte man eine Streichung überlegen. Das klingt im ersten Moment banal, aber geht viel tiefer, wenn man dieses Prinzip systematisch auf alle Erzählelemente anwendet. Zwei Beispiele: Ortsbeschreibungen und Handlungsabläufe.

  

Ortsbeschreibungen

Das Zeigen eines Raumes kann leicht Füllertext erzeugen. Überlegen Sie bei jedem Satz, ob er auch einem der wichtigen Erzählziele hilft. Jede Beschreibung eines Raumes hat eine Funktion, klar – nämlich jene, einen Raum erlebbar zu machen. Das kann wichtig sein, aber im Grunde nur, wenn das einem der wichtigen Erzählziele zuarbeitet. Einen beliebigen Raum oder auch ein Objekt zu zeigen, ohne, dass das eine weitere Funktion erfüllt, ist Verschwendung von Erzählplatz und Lesendenaufmerksamkeit.

  

Handlungsabläufe und sogenannte Skripten

Oft ist es auch unnötig, Handlungen detailliert zu zeigen, die bekannten Abläufen folgen. Man nennt das auch „Skripts“. Wenn eine Figur im Supermarkt einkauft, wissen alle Lesenden im Grunde, wie das abläuft. Die einzelnen Schritte zu erzählen wird also dazu führen, dass die Lesenden nur das vorgekäut bekommen, was sie ohnehin wissen. Wenn Schritte solcher Skripts erzählt werden, dann nur, wenn sie auch eine Funktion (im Hinblick auf die Erzählziele) erfüllen. 

 


Natürlich kann es auch interessant sein, solche Maximen absichtlich zu verletzen, aber auch dann sollte das nicht zu Füllertext führen. Ein Text, in dem jeder Satz eine Funktion erfüllt, ist auch ein Text, in dem jeder Satz wichtig ist. Ob das der Fall ist, merkt man beim Lesen, auch wenn man darauf nicht explizit achtet.

 

Leiten Sie gezielt die Aufmerksamkeit Ihrer Lesenden

Eine funktionale Textsicht hilft dabei, die wichtigen Funktionen besser herauszubringen – und damit erzählerisches Gewicht auf das zu legen, was eigentlich das Interessante ist. Damit steuert man auch die Aufmerksamkeit der Lesenden.

 

Jede Situation lässt sich auf unendlich viele verschiedene Weisen erzählen oder niederschreiben. Behalten Sie deshalb immer im Auge, warum Sie eine bestimmte Passage überhaupt schreiben. Gibt es die Szene im Supermarkt, weil dort der Geisteszustand der Figur erlebbar gemacht wird, oder weil Kapitalismuskritik für die Pointe am Ende eine Rolle spielt? Oder geht es in Wahrheit nur darum, dass die Figur in einer späteren Szene einen Kochlöffel eingesteckt haben soll oder auf dem Weg von A nach B aus irgendeinem erzähltaktischen Grund aufgehalten werden muss?

 

Auch, wenn es in allen Beispielen um einen Supermarkteinkauf geht: Jedes Beispiel braucht einen anderen Zugang zum Erzählen, um am wirksamsten zu werden, eine andere Rahmung, eine andere Perspektive – sogar, wenn der Blick derselben Figur gehört.

 

Der Erzählfokus auf das Erzählziel zeigt den Lesenden organisch und erzählstark, worauf es dem Roman oder der Erzählstimme ankommt. So arbeiten Sie immer heraus, was das Wichtige ist, und leiten die Aufmerksamkeit Ihrer Lesenden dorthin, wo sie am wirksamsten ist, wo es gerade am spannendsten ist.

 

Es geht immer um ein Gewebe an Funktionen

Textil in Schwarz-Weiß
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Die Wortgeschichte von Text/Textil möchte ich hier nicht auseinandersetzen, aber das Bild eines Romanes als Gewebe funtioniert auch in dieser Hinsicht: Der Roman als Gewebe von Funktionen, die gemeinsam bestimmte Erzählziele erreichen sollen.

 

Eine Geschichte zu erzählen (also vom Anfang zum Ende zu kommen) ist meist die Hauptfunktion, aber es gibt auch andere Ziele, die man dabei einlösen möchte. Manche tolle Geschichte kann etwa nicht gut leuchten, wenn den Lesenden die Figuren egal sind. Eine sehr wichtige Funktion wäre dann also auch, die Figuren interessant zu machen.

 

Wie gesagt: Wenn mehrere Funktionen in einem Textabschnitt zusammenfallen können, umso besser, und umso gewichtiger wird der Text.

  


Beim Abwägen hilft ein Blick von außen oft Wunder. Wenn Sie jemanden mit Erfahrung suchen, der Sie dabei untersützt, Ihren Roman noch erzählstärker zu machen, dann sprechen Sie mich jederzeit gerne an. Neben einem tiefgehenden und detaillierten Lektorat biete ich auch literarische Texteinschätzungen zu vernünftigen Preisen an.