Kürzlich sagte ein Bekannter zu mir, dass diese ganze Sache mit dem Schreiben doch völlig überholt sei. Er könne mit seiner KI einen 600-seitigen Roman in einer Zeitspanne produzieren, in der ich nicht einmal eine Seite schaffen würde.
Ich seh das aber eher so: Wenn man schreibt, dann ist man am Ende klüger geworden. Man hat etwas gelernt: Etwas über sich, etwas über das Thema des Textes, etwas über die Welt und etwas über die Kunst. Beim Schreiben geht es nicht nur um das Produkt. (Wobei sich aber auch beim Produkt die Frage stellen würde: Wer möchte wirklich einen 600-seitigen KI-Text lesen?)
Aus meiner Sicht ist die Kunst eines der wichtigsten Mittel, um uns als Menschen weiterzubringen. Und ich glaube nicht, dass KI uns das, oder die Kunst generell, streitig machen kann. Dass KI-Inhalte, zumeist Slop, eBook-, Musik-, und Gaming-Plattformen überschwemmen, macht es aber schwieriger, zur Geltung zu kommen.
Ganze Industrien und viele Endverbraucher beten die KI als kostenlosen Ersatz für menschliche Leistung an. Kostenlos natürlich nur, wenn man die enormen Energiemengen und den zerstörten Lebensraum ignoriert. Ex nihilo – oder auch dem Geist der Nutzer entstammend – ist in Wahrheit keiner dieser Inhalte, denn sie sind allesamt aus den Werken von Menschen gestohlen.
Dass die KI overhyped ist, zeigt sich langsam. Auf Tagungen geben die CEOs längst zu, dass die KI das den Shareholdern zuvor vollmundig versprochene Wachstum nicht einlöst. Die Menschheit zahlt den Preis dafür. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich möchte hier in erster Linie über KI und die Kunst schreiben, über die KI und das Schreiben – und in der Arbeit eines Lektors.

Ganz klar: Nein. Wie auch?
Und etwas ganz Wichtiges, was der KI abgeht: Kritikfähigkeit …

Gute Textarbeit, gutes Lektorat braucht kritischen Geist. Die KIs sind aber so konfiguriert, dass sie möglichst immer positives Feedback geben, um sie sympathischer zu machen und das Engagement der User zu erhöhen. Ein Standard-Artikel vom 26. Februar 2026 zeigt einen jungen Mann, der seit drei Jahren eine Beziehung mit einer KI-Freundin führt statt mit einer echten Person. Warum? Die KI-Freundin sagt nie Nein.
So hat man auch von einem KI-Lektor nichts, der jede Idee kritiklos über den Klee lobt. Ein Lektor ist auch dafür da, Ideen und Umsetzungen auf Probleme abzuklopfen. Wer keine Kritik aussprechen kann, kann auch nicht ergründen, was eventuellen Problemen zugrundeliegt – und dabei unterstützen, sie zu beseitigen.
Dafür ist ein Lektorat da, das ist eine der zentralen Aufgaben. Die KI scheitert damit schon am Wesentlichsten.
Auch, und das haben viele sicher schon selbst erlebt: KIs sind einerseits manchmal erschreckend leicht zu überlisten und andererseits manchmal erschreckend schwer (oder gar nicht) vom Richtigen zu überzeugen, wenn sie aus irgendeinem Grund das Falsche annehmen. Man würde sicher mit keinem Menschen arbeiten wollen, der sich so verhält.
Rein von einer KI generierte Texte sind meistens recht langweilig. Auch, wenn die KI einen relativ fehlerlosen Text erzeugt: Diese Texte sind unpointiert, ihnen fehlt der Witz wie der Rhythmus. Sie funktionieren ein Stück weit, aber solche Texte werden rasch uninteressant, können die Aufmerksamkeit der Lesenden nicht gut halten, und sie vor allem auch nicht gut steuern. Das kann wohl nur gut, wer Mensch ist, echte Wahrnehmung kennt, fühlt. Die KI kann auch keinen innovativen Erzähltext oder Roman gestalten, sondern nur Bekanntes reproduzieren.
Es ist aber unbestreitbar, dass viele Leute eine KI auch beim Schreiben von Romanen und anderen Erzähltexten einsetzen – allerdings eher als Unterstützung denn als eigentlicher Autor. Und dagegen ist nichts einzuwenden. JedeR AutorIn hat einen individuellen Schaffensprozess, und wenn man sich mit der Unterstützung eines Sprachmodelles besser bewegen kann, wenn das die eigene Produktion besser macht, oder auch bewältigbarer, dann möchte ich das nicht bekritteln. Themen mit der KI zu besprechen, um andere Sichtweisen zu erkennen, kann sinnvoll sein.
Und auch bei einem Lektorat kann die KI durchaus etwas beitragen, und zwar bei der Korrektur.
Im professionellen Umfeld ist es üblicherweise so, dass es einerseits ein „Lektorat“ gibt, andererseits ein „Korrektorat“. Auch beim Lektorat möchte man einen korrekten Text abliefern, klar. Aber der Fokus liegt eher auf Inhalten und Faktoren des Erzählens, und alles gleichzeitig kann man nicht im Auge und auch nicht im Kopf behalten. Natürlich schaut man genau hin – aber bei einem Text mit Hunderttausenden Zeichen übersieht man was, das lässt sich kaum vermeiden. In einem professionellen Umfeld liegen Lektorat und Korrektorat aus genau diesem Grund stets bei zwei verschiedenen Personen. Aber das kostet natürlich auch mehr. Und das in einer Zeit, in der es ohnehin sehr schwierig ist, mit Romanen genug Geld zu verdienen, um diese Kosten zu decken.
Das gilt vor allem fürs Selfpublishing. Hier kann die KI dann durchaus wertvoll sein. Wenn ich nach einem Lektorat noch mit der KI-gestützten Duden-Rechtschreibprüfung über einen Text gehe, dann kann man noch weitere Typos ausmerzen, ohne damit Mehrkosten zu haben. Ob diese Anwendungen wirklich so gut sind, wie sie versprechen? Schwer zu sagen. In meinen eigenen Versuchen war ich mit den Ergebnissen bisher nie richtig zufrieden. Ein Mensch, der in dieser Sache gut ist, ist auf jeden Fall die bessere Wahl, wenn man auf Nummer sicher gehen will.
Einen absolut fehlerlosen Text schafft man aber je nach Textumfang auch mit sechs Augen nicht (AutorIn, LektorIn, KorrektorIn). Alle Profis wissen, dass auch in gut lektorierten und zusätzlich (menschlich) korrigierten Werken der ein oder andere Fehler bleibt. Einen perfekten Text versprechen manche zwar, aber 100%ig einlösen können das weder Mensch noch Maschine. Und wenn ich etwa an die arme Dostojewski-Gesamtausgabe der Komet MA aus dem Jahr 2000 denke, wäre da heute eine KI-gestützte Korrekturrunde sicher besser als die vielen Fehler … (War sicher eine Frage von Zeit und Geld, nicht von menschlichem Versagen. Aber schade, dass so großartige Werke in so schlechtem Zustand ins Regal kommen.)
Vielleicht ist Kunst in Wahrheit auch KI-immun. Denn den Prozess des Kunst-Schaffens kann keine KI uns je nehmen. Die Befriedigung und die Freude durch den Akt des künstlerischen Schaffens kann uns eine KI nicht streitig machen. Die KI zerstört auch nicht das persönliche Wachstum, das das Schreiben antreibt. (Der Satz erlaubt absichtlich die doppelte Lesart, denn das Verhältnis ist wechselseitig.)
Zu sagen, „ich schaffe keine Kunst mehr, weil das im Zeitalter der KI eh untergeht“, ignoriert, warum wir überhaupt Kunst machen, warum wir überhaupt etwas aus uns heraus schaffen wollen. Kunst machen ist immer auch Exploration der Conditio humana, ergründet immer auch unser „in-der-Welt-Sein“. Oft ist die Kunst gar nicht das Werk, sondern das, was dahinter steht.
Menschen suchen immer nach Bedeutung, nach Sinn, nach Verbindung. Wir tun das auch in der Kreation von Kunst und in ihrer Rezeption. Warum eine Autorin etwas so oder so gefasst hat? Diese Frage macht den Erzähltext, den Roman, vielleicht erst interessant. Bei einem KI-Text hingegen ist eine Formulierung deshalb so oder so, weil das durchschnittlich die üblichste Variante ist, die sich die KI aus menschlichen Werken (und immer mehr aus KI-Werken, womit die Schlange in den eigenen Schwanz beißt) zusammengeklaut hat. Da ist kein echter Prozess des Denkens und Fühlens dahinter, keine tiefere Bedeutung, keine Nuance. Kein Gefühl und kein Sinn.
Wir sollten uns auf keinen Fall von der Kunst abhalten lassen, weil die KI das Geschäft mit der Kunst angreift. Die Kunst selbst, ihr Prozess, in dessen Laufe wir wachsen und uns weiterentwickeln, kann keine KI uns nehmen. Wir bestehen neben der KI, indem wir uns auf das Menschsein, das Menschliche konzentrieren.

Denn zugegeben, einmal abseits von der KI im Schreiben und in der Kunst: Sorgen mache ich mir schon. In einer Welt, in der wir ohnehin schon sehr weit auseinandergedriftet sind, bedingt die KI, dass wir noch mehr das Zwischenmenschliche verlernen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, kultiviert das soziale Element in sich seit mindestens 500.000 Jahren. Wenn wir das verlernen, den Umgang miteinander, verlieren wir einen entscheidenden Teil dessen, was uns zu dem macht, was wir sind. Wir sehen heute ja schon allerorts die Folgen der zunehmenden Entfremdung.
Experimente zeigen auch bereits, wie KI das kritische Denken in uns ausschaltet. Besonders bei jungen Leuten gilt dabei auch: Wenn man es nicht früh lernt und pflegt, wird es immer schwerer, dieses kritische Denken nachträglich zu kultivieren.
Die Politik und die Konzerne, die von uns leben, haben ein monetäres Interesse daran, dass wir das kritische Denken verlernen, und sie verdienen auch an unserer Entfremdung. Die Welt, wie sie heute ist, ist nicht zufällig so.
Früher hinterfragte man die Rolle der Religion in der Politik – heute sollten wir vielleicht über die Rolle der Wirtschaft in der Politik reden, die Frage, wie Geldinteressen unser Menschsein und den Fortgang einer Gesellschaft bestimmen. Die Lobbyisten vermarkten die KI-Revolution an eine Politik, die keine eigenen Visionen als Alternativen hat. In Brüssel, so habe ich mir sagen lassen, kann man keinen Stein werfen, ohne einen Lobbyisten zu treffen. Wir dürfen diesen Menschen, diesen Belangen, nicht unsere Welt überlassen. Und schon gar nicht unseren Geist.
Selbst schreiben leistet einen Beitrag zur eigenen Freiheit und zum eigenen Menschsein. So pathetisch es klingt: Schreiben ist ein Akt der Erhaltung der eigenen Menschlichkeit. Wer schreibt, bleibt bei sich. Sapere aude.